Geben ist seliger als nehmen

Deutschland hat mehr Umverteilung dringend nötig. Ein Plädoyer.

10.000.000.000.000 Euro, also zehntausend Milliarden Euro – so hoch war das Geldvermögen der Deutschen laut einer Studie der DZ Bank im Jahr 2025. Das sind knapp 120.000 Euro für jeden der 83,5 Millionen Einwohner Deut-schlands, würde diese Summe gleichmäßig verteilt – vom Neugeborenen bis zum ältesten Menschen. Tatsächlich ist das Vermögen in Deutschland alles andere als gleich verteilt, sondern im Vergleich zu allen Ländern der Euro-Zone besonders ungleich. Das sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Je nach Studie gehören in Deutschland den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung 54 bis 60 Prozent des Nettovermögens. Die unteren 50 Prozent der Bevölkerung kommen auf bestenfalls 3 Prozent. Das sind dann magere 7200 Euro pro Kopf für 41,75 Millionen Bundesbürger*innen.

Wir müssen diesen Reichtum, der sich „oben“ regelrecht aufstaut, für unser Land nutzen.

Das ist eine Ungleichverteilung, die nicht gut ist für unser Land. Sie schafft Spannungen in der Gesellschaft. Unter den „unteren“ 90 Prozent müssen sich zu viele Menschen Sorgen machen, über die Runden zu kommen oder haben Angst, wirtschaftlich abzurutschen. Wer es sich leisten kann, schottet sich hingegen ab von der restlichen Gesellschaft. Der Unmut, der in ostdeutschen Bundesländern an vielen Stellen herrscht, hat seinen Ursprung auch in Ungleichverteilung. Denn ostdeutsche Haushalte haben im Schnitt 40 Prozent weniger Nettovermögen als westdeutsche Haushalte.

Wir müssen diesen Reichtum, der sich „oben“ regelrecht aufstaut, für unser Land nutzen. Deshalb ist der zu Unrecht nach hinten gerutschte SPD-Vorschlag zur Stärkung der Erbschaftssteuer („FairErben“) richtig und wichtig. Erb-schaften entstehen nicht durch eigene Leistung, sie senken vielmehr die Chancengerechtigkeit. „Normale“ Erb-schaften wollen wir verschonen, es geht um die großen Vermögen. Das gleiche gilt für die von SPD vorgeschlagene Vermögenssteuer. Auch sie zielt auf Multimillionäre und Milliardäre, nicht den Handwerksbetrieb um die Ecke.

Recht und Ordnung sollten auch im Bereich der Steuern durchgesetzt werden.

Vermögende und gut organisierte Steuerpflichtige profitieren außerdem am stärksten von Vollzugsproblemen der Finanzämter. Durch Steuerhinterziehungen entgehen uns als Gesellschaft im Jahr Schätzungen zufolge mehrere zehn Milliarden Euro, je nach Studie sogar 50 bis 125 Milliarden Euro. Recht und Ordnung sollten auch im Bereich der Steuern durchgesetzt werden.

Auch wer sich mit Blick auf sein Konto nicht zu der „unteren“ Hälfte der Bevölkerung zählt, hat ein Interesse daran, dass wir wieder eine wirtschaftlich ausgeglichenere Gesellschaft werden. Diese Idee ist uralt. Das zeigt der biblische Satz „Geben ist seliger als Nehmen“. Wir müssen uns dieser Idee erinnern. Die Sozialdemokratie ist die einzige politische Kraft der Mitte, die der Ungleichheit entgegenwirken kann. Die politischen Wettbewerber sehen entweder das Problem nicht, oder setzen auf Extreme und nehmen gesellschaftliche Brüche in Kauf.